Presse

Süddeutsche Zeitung vom 25.11.2021

Naturbelassenes Gemüse wächst auf den Feldern der Solidarischen Landwirtschaft in Neufarn.

Wie wollen wir in Zukunft unser Gemüse anbauen? Eine neue Solidarische Landwirtschaft in Neufarn will Lebensmittel jenseits von Pestiziden, Überdüngung und ständigem Wachstum bereitstellen.

Von Merlin Wassermann, Vaterstetten

 Adjektiv "solidarisch" hat laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache verschiedene Bedeutungen, eine davon lautet "füreinander einstehend". Das wird bei der neuen Solidarischen Landwirtschaft in Neufarn, ehemals "Mach-mit-Garten", die noch dieses Jahr als Verein gegründet werden soll, großgeschrieben. Beate Backenhaus, der man anmerkt, dass es ihr mit dem Thema ernst ist, sieht die Hauptaufgabe der Solawi darin, die Landwirtschaft zu unterstützen: "Wir müssen ihr helfen, mehr menschliche Erzeugung und lebendige Böden zu erreichen, nicht nur billig, billig, billig...". Die Bauingenieurin ist eine von einer Handvoll Solawisten und Solawistinnen, die sich am vergangenen Sonntag auf dem vom Bauern Paul Hilger gepachteten Stück Land in Neufarn eingefunden hat, um über die Zukunft des Vereins zu diskutieren. "Derzeit haben wir circa zwanzig bis dreißig Leute. Damit sich das Ganze trägt, brauchen wir so um die sechzig bis siebzig", erklärt die Mitinitiatorin Petra Loser.

Doch wie genau funktioniert so eine Solawi? Im Grunde ist es ganz einfach: Der Verein pachtet ein Grundstück, auf dem von einem oder mehreren Gärtnern Kräuter und Gemüse angebaut wird, saisonal, regional, biologisch. Die Vereinsmitglieder verpflichten sich dazu, für ein Jahr lang das erwirtschaftete Gemüse abzunehmen. Jeder erhält dann eine Kiste pro Woche, voll mit dem, was gerade geerntet werden konnte. Kostenpunkt: 70 Euro pro Monat. Der Bauer erhält durch die Planungssicherheit überhaupt erst die Möglichkeit, das Grundstück ohne Verlust zu verpachten, die Vereinsmitglieder erhalten frisches Bio-Gemüse: Kohl, Salat, Karotten, Sellerie und was eben sonst gerade Saison hat. Das Risiko, dass beispielsweise ein Hagel die Ernte zunichte macht, liegt dann nicht mehr beim Landwirt alleine, sondern wird auf den Schultern der Solawisten verteilt - solidarisch eben. "Wir planen also, dass ab nächstem Frühjahr pro Woche sechzig Kisten verteilt werden", erklärt Loser. In Zukunft könnte die Zahl aber noch wachsen. Derzeit bewirtschaftet man 1500 Quadratmeter Fläche, irgendwann wird es vielleicht doppelt so viel. In der Zwischenzeit kann man sich vor Ort frisches Gemüse und Milch aus einem Kühlschrank holen, Bezahlung auf Vertrauensbasis.

Detailansicht öffnen

Das frische Gemüse kann man sich im Kühlschrank abholen oder per Kiste kommen lassen.

Neufarn ist nicht die erste Solawi in der Region. Man orientiert sich an und arbeitet teilweise zusammen mit dem "Kerschbaumerhof" in Grafing, gegründet im Februar dieses Jahres. Dort setzt man auf das Modell "Permakultur", bei dem Zyklen aus der Natur nachgebildet werden. In Neufarn nutzt man noch klassischere Anbaumethoden, ein Gewächshaus ermöglicht beispielsweise auch den Anbau im Winter von einigen hartgesottenen Gemüsesorten im zertifizierten Bio-Boden. Doch auch hier versuchen die Verantwortlichen, ganzheitlich zu denken. Rolf Kühn, der (voraussichtliche) Gärtner der Solawi, deutet auf die Blühstreifen, die rund um den Acker wachsen: "Das ist natürlich super für uns, weil wir Nützlinge wie Bienen und Schlupfwespen direkt da haben." Letztere legen ihre Eier in die Larven von Schädlingen und schützen so das Gemüse vor Befall, ganz natürlich.

Die Gründungen der Solawis Neufarn und Grafing sind Teil eines größeren Trends. Laut der Landwirtschaftskammer NRW hat sich die Zahl der Solawis zwischen 2015 und 2017 verdoppelt, und auf der überregionalen Netzwerk-Homepage "Solidarische Landwirtschaft.org" findet man 367 Solawis nach Postleitzahl aufgelistet. Es gibt keine Zahlen, wie viel der Ackerfläche in Deutschland von Solawis bestellt wird, sie dürfte im Verhältnis aber beinahe verschwinden gering sein. Dennoch, der Anspruch und die Motivation besteht, einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.

Ist die Solawi also ein genuin politisches Projekt? "Absolut", betont Beate Backenhaus. "Wir sind Klimaaktivisten!" Michael Freistetter, Vater von zwei Kindern, stimmt zu: "Es geht auch darum, dass ich meinen Kindern und deren Kindern einen lebenswerten Planeten hinterlasse, und sie lernen, wo das Essen herkommt, das auf ihrem Tisch landet." Auch Rolf Kühn will mit seiner Arbeit einen Beitrag zum Naturschutz liefern. "Es gibt da viele Möglichkeiten, die in der Landwirtschaft noch kaum ausgenutzt werden." Alle betonen, dass sowohl der Klimawandel als auch die Pandemie gezeigt hätten, dass man die Welt neu denken müsse - und neu machen. Die Solawis sind vielleicht ein Beitrag des ländlichen Bürgertums zu dieser Umgestaltung.

Die Landwirte und Verpächter Paul Hilger und Marianne Rist sehen in der Solawi einen Ausweg aus der von Wachstum und Profit getriebenen Agrarwirtschaft.

Die zweite Bedeutung von "solidarisch" wird, passend zum politischen Charakter der Solawi, mit "eng verbunden" angegeben. Eng verbunden will man hier nicht nur der Natur sein, sondern auch untereinander, die Solawi soll eine Gemeinschaft sein. Die Solawisten schwärmen vom gemeinsamen Ausflug in die nahegelegenen Wälder, bei denen die Kinder mit dabei waren. Auch Landwirt Peter Hilger ist die Gemeinschaft wichtig. Er hatte ursprünglich die Idee für die Solawi, die eigentlich eine Genossenschaft werden sollte, was jetzt vorerst an bürokratischen und finanziellen Hürden gescheitert ist. Hilger möchte kein Einzelkämpfer sein, der seinen Hof wie einen Betrieb führt und nur auf Wachstum und Profit schaut. Er mag die Gemeinschaft und hat es gerne, den Verbraucher mit ins Boot holen zu können. "Ich fände es auch schön, wenn die Solawi eine soziale Landwirtschaft sein könnte, also wenn wir zum Beispiel auch Menschen mit Behinderungen beschäftigen könnten", sagt Hilger hoffnungsvoll.

Bis die Solawi in Neufarn voll funktionsfähig ist, kann es aber noch ein bisschen dauern. Administratives muss geklärt, ausreichend Leute müssen gefunden werden, die Finanzierung muss stehen. Mit Blick darauf wünscht sich Peter Hilger von der Politik, dass Projekte wie die Solawis unterstützt würden. "Wir haben wirklich überall geschaut, es gibt keinen Topf, aus dem man eine Anschubfinanzierung erhalten könnte."

Detailansicht öffnen

Die Mitglieder können im Gemüsebeet auch selbst etwas anpflanzen und beispielsweise den Rosenkohl pflegen - aber sie müssen nicht.

Vom alten Namen "Mach-mit-Garten" sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen, man kann, muss aber nicht bei der Gärtnerei und der Ernte mithelfen, obwohl das für das solidarische Flair natürlich von Vorteil wäre. "Solidarisch" kommt übrigens vom lateinischen Wort "solidum", das sich auch ins deutsche "solide" weiterentwickelt hat. In diesem Sinne lässt sich die Solidarische Landwirtschaft Neufarn also durchaus auch als eine solide Idee bezeichnen.